Der Gast
Ein Mensch, der frömmste auf der Welt,
hat sich im Gasthaus was bestellt
und sitzt nun da, ganz guter Dinge,
gewärtig, daß man es ihm bringe.
Er schaut in stiller Seelenruh der
Emsigkeit des Kellners zu,
das wackern Mannes, des verlässigen,
der furchtlos bändigt die Gefräßigen.
Doch bald, von leichtem Zorn gerötet,
der Mensch ein leises "Bitte" flötet,
das leider ungehört verhallt,
weshalb mit höherer Stimmgewalt
und auch im Tone etwas grober
der Mensch vernehmlich schreit:
"Herr Ober!"
Auch dieser Ruf bleibt unerfüllt,
so daß der Mensch jetzt "Kellner!" brüllt.
Der Kellner, den dies Wort wie Gift
ins Herz der Ober-Ehre trifft,
tut, was ein standsbewußter Mann
nur tun in solchen Fällen kann:
Er überhört es mild und heiter
und schert sich um den Gast nicht weiter.
Der Mensch, gereizt zwar, aber feige,
hält für geraten, daß er schweige.
Das Essen kommt, der Mann vergißt.
Sagt höflich: "Danke sehr!" - und ißt.
(Eugen Roth)
